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Venezuela:

„Für die Unabhängigkeit der ArbeiterInnenklasse eintreten“


Interview aus rouge, Wochenzeitung der LCR,
französische Sektion der IV. Internationale
Das Interview führten Fabrice Thomas und Yannick Lacoste.
Übersetzung: D.B.


Stalin Perez Borges ist Gewerkschaftsführer und seit langen Jahren Trotzkist. Er ist in dem revolutionären Prozess in Venezuela engagiert. Er ist einer der vier nationalen Koordinatoren des neuen Dachverbands UNT. Er ist ebenfalls Mitglied des Initiativkreises, der zur Bildung der neuen Partei der Revolution und des Sozialismus (PRS) aufgerufen hat.

F. Thomas / Y. Lacoste Kannst du uns deine Einschätzung der aktuellen Etappe des revolutionären Prozesses in Venezuela geben?

S. P. Borges: Der revolutionäre Prozess geht weiter, aber die Widersprüche wirken, Korruption und Ineffektivität untergraben diesen Prozess. Anlässlich der kürzlichen Wahlen in den Gemeinden und Stadtteilen gab es Zusammenstöße zwischen der Basis der chavistischen Parteien und den Führungen, die in bürokratischer Weise ihre Kandidaten durchgesetzt haben. Zurzeit sind diese Reibereien im revolutionären Prozess mit den konservativen bürokratischen Sektoren noch verbaler Natur. Aber wir denken, dass sie in Zukunft viel schärfere Formen annehmen können, vor allem wenn die Konfrontation mit dem Imperialismus angespannter wird und sich die revolutionäre Situation bedeutsam zuspitzt.

Wie sieht die Lage in den Gewerkschaften aus?

S. P. Borges.: Mit den Krisen des Staatsstreichs gegen Chávez im April 2002, der Blockade der Ölproduktion durch die Bosse Ende 2002/Anfang 2003 und des offenen Verrats des alten Gewerkschaftsdachverbands CTV haben die ArbeiterInnen die Notwendigkeit verspürt, ihre gewerkschaftlichen Organisationen in die eignen Hände zu nehmen. Aufgrund dieser im ganzen Land empfundenen Lage ist der neue Dachverband entstanden, die Nationale ArbeiterInnen Union (UNT). Die UNT ist beträchtlich gewachsen. In ihr ist heute die Mehrheit der Gewerkschaftsorganisationen im Land zusammengeschlossen. Es ist zurzeit schwer, die tatsächlichen Mitgliederzahlen zu beziffern, aber wir schätzen, dass es heute mehr als eine Million sind und dass die übergroße Mehrheit der großen Gewerkschaften der UNT angeschlossen sind. In der Führung der UNT gibt es 4 Tendenzen. Wir müssen den nächsten Kongress abwarten, um zu sehen, ob der bürokratische Sektor – eine reformistische Strömung mit vielen korrumpierten und unfähigen Führern – in der Mehrheit ist. Daneben gibt es die „Bolivarische Kraft der ArbeiterInnen”, die regierungsnahe und ebenfalls reformistisch ist. Und dann gibt es noch die „Strömung der [ArbeiterInnen]Klasse”. Viele ihrer Kader sind InitiatorInnen der neu entstandenen Partei der Revolution und des Sozialismus (PRS).

Kannst du uns mehr über die PRS sagen?

S. P. Borges: Die Gründung der PRS ist eine Folge des Kampfes in der UNT. Bei den meisten Treffen, die im Land organisiert wurden, forderte die Mehrheit der DiskussionsteilnehmerInnen die Bildung einer Kraft, die unabhängig von den sich auf Chávez beziehenden Kräfte ist, nämlich der MVR, der PPT, der Podemus, der kommunistischen Partei und einiger anderer. Als wir diese Notwendigkeit gesehen haben, haben wir uns entschlossen, die PRS zu gründen. Wir denken, dass die ArbeiterInnen in der augenblicklichen Lage eine Organisation brauchen, die ihre Interessen vertritt, die für die Unabhängigkeit der ArbeiterInnenklasse eintritt und die ein klar definiertes antiimperialistisches Projekt verfolgt. Innerhalb unsrer Gewerkschaftsströmung werfen uns einige dieses Projekt vor. Man muss aber beiden Aufgaben nachgehen: dem Aufbau der UNT als von den Parteien und der Regierung unabhängigem Gewerkschaftsdachverband und einer politischen ArbeiterInnenpartei. Die Diskussion des Aufbaus der PRS wird zurzeit von fünf verschiedenen politischen Gruppen geführt. Andere Organisationen werden unsre politische Plattform erweitern können und wir hoffen, dass wir Anfang des neuen Jahres die offizielle Gründung der PRS bekannt geben können. Wir planen einen Gründungskongress und haben schon eine Zeitung, Opcion socialista (Sozialistischen Option).
Für dieses Projekt haben wir bestimmte Veranstaltungen durchgeführt: Am 9. Juli haben wir ein nationales Treffen mit annähernd 450 Menschen in Caracas organisiert sowie weitere Versammlungen im ganzen Land. Weitere werden folgen. Wir haben eine politische Plattform ausgearbeitet, die als Diskussionsgrundlage dienen kann.

Welchen Unterschied gibt es zwischen der PRS und den heute existierenden offiziellen chávistischen Parteien?

S. P. Borges: Die Organisationen, die an den Schaltstellen des offiziellen Prozesses sitzen, sind reformis-tisch, stalinistisch oder ultralinks und sie ermöglichen es nicht, gegen den bürokratischen Charakter des Staates zu kämpfen. Erforderlich ist die Sicherstellung der Transformation, die das breite Volk fordert, das eine größere Beteiligung der Menschen wünscht. Es ist ein Kennzeichen dieses Prozesses, dass die Bevölkerung eine gewisse Macht beansprucht. Man kann ihr nichts aufzwingen, weder die offiziellen Führer, noch die Minister, noch die Bosse. Dieser Kampf gegen die Bürokratie, gegen die Korruption und gegen den Reformismus beginnt, bedeutsame Ergebnisse für die Zukunft des Landes zu zeitigen. Ein Beispiel ist die Mitwirkung, d. h. ArbeiterInnenkontrolle und direkte Beteiligung der ArbeiterInnen an Staatsunternehmen oder Privatfirmen. Mitglieder der Regierung denken, dass die Mitwirkung ein Risiko ist, weil ein strategisches Unternehmen, wie etwa die PDVSA [die verstaatlichte Ölgesellschaft] unter der Kontrolle der Führer des Staates bleiben muss.
In Wirklichkeit haben sie Angst vor der Beteiligung der Menschen. Wir arbeiten viel an diesen Erfahrungen der ArbeiterInnenkontrolle. „Den Menschen die Macht geben” kann für den revolutionären Prozess der notwendige Sprung nach vorne sein. Chávez sagt, dass man den Menschen die Macht geben muss. Nun besteht aber die Macht gerade darin, die Fabrik zu kontrollieren, die Gemeindeverwaltung zu kontrollieren und diejenigen zu kontrollieren, die mensch gewählt hat. Deshalb glauben wir, dass die PRS einen starken Einfluss auf die ArbeiterInnen entwickeln kann. Wir setzen große Hoffnungen in den Aufbau unsrer Organisation, damit Venezuela möglichst zügig von reinen Absichtserklärungen zu wirklich antiimperialistischen Maßnahmen übergehen kann.