Sektion Zürich
 
anklicken Antiglobalisierung
anklicken ArbeiterInnenbewegung
anklicken Bildungspolitik
anklicken Frauenbewegung
anklicken Geschichte
anklicken Imperialismus & Krieg
anklicken International
anklicken Kanton Zürich
anklicken Marxismus
anklicken Umweltpolitik

anklicken Startseite
anklicken Über uns
anklicken Agenda
anklicken Zeitung
anklicken Literatur
anklicken Links
anklicken Kontakt

Schwerpunke / Kampagnen
anklicken Bilaterale II



 

Stahlarbeiter stürmen ArcelorMittal-Zentrale
in Luxemburg

Milliardendividende trotz Massenentlassungen

Von Ulrich Rippert - wsws.org - 15. Mai 2009


Am Dienstag demonstrierten wütende Stahlarbeiter vor der Firmenzentrale des weltgrößten Stahlkonzerns ArcelorMittal in Luxemburg. Drinnen tagten rund 200 Aktionäre auf der Hauptversammlung des Unternehmens.
Zum Auftakt der Aktionärsversammlung hatte die Konzernleitung den Abbau von 9.000 Arbeitsplätzen, davon 6.000 in Europa angekündigt. Deutschland ist mit 750 Arbeitsplätzen, Frankreich mit 1.400 und Belgien mit 800 Stellen betroffen.
Rund 1.500 Stahlarbeiter aus Belgien und Frankreich waren mit Zügen und Bussen in die Luxemburger Hauptstadt gekommen, um vor der Aktionärs-versammlung gegen die geplanten Entlassungen zu protestierten. In den Werken im belgischen Charleroi und Lüttich wird bereits seit Monaten kurzgearbeitet. Nun stehen dort umfangreiche Entlassungen an.

Viele Arbeiter waren vor allem deshalb wütend, weil die Unternehmens-leitung trotz Produktionsrückgang und Massenentlassungen beschlossen hat, eine Dividende von 1,1 Milliarden Dollar an die Aktionäre auszubezahlen. "Wir verlieren unseren Job und die Aktionäre bekommen die Dividende", sagte ein verbitterter Arbeiter aus dem ArcelorMittal-Werk im lothringischen Florange in einem Fernsehinterview.

Die Polizei hatte den Firmensitz mit Absperrgittern und Sondereinheiten gesichert. Während der Kundgebung griffen wütende Arbeiter plötzlich die Polizei mit Pflastersteinen und Flaschen an. Der Metallzaun wurde niedergerissen und Arbeiter versuchten, die Eingangstür des Gebäudes aufzubrechen. Es kam zu heftigen Auseinandersetzungen mit der Polizei und dem Firmen-Werkschutz.

Nach Augenzeugenberichten warf ein Stahlarbeiter eine Rauchbombe durch ein Fenster, woraufhin sich nebeliger Gestank bis zu den Aktionären ausbreitete.

Firmenchef Mittal ist der achtreichste Mann der Welt

ArcelorMittal ist nach eigenen Angaben "der in jeglicher Hinsicht mit Abstand größte Stahlproduzent der Welt". In rund 60 Werken in mehr als zwei Dutzend Ländern beschäftigt der Konzern 310.000 Mitarbeiter.

Der Stahlmulti ist das Ergebnis einer rasanten Rationalisierungs- und Fusionswelle von Stahlunternehmen im vergangenen Jahrzehnt. Er entstand 2007 aus dem Zusammenschluss der führenden Stahlproduzenten Arcelor S.A. und Mittal Steel Company. Zuvor hatten sich der spanische Aceralia Konzern, die luxemburgischen Arbed Werke und die französische Usinor unter dem Dach von Arcelor S.A. zusammengeschlossen. In Deutschland gehörten die Hüttenwerke in Bremen, Eisenhüttenstadt (Brandenburg) und Unterwellenborn (Thüringen) zu dem Konzern.

Vor zwei Jahren übernahm die Mittal Steel Company dann die Arcelor S.A. in einer feindlichen Übernahme.

Der frühere Vorstandsvorsitzende der Mittal Steel Company, Lakshmi Mittal, leitet den Konzern, und sein Sohn Adiya Mittal ist Finanzchef. Die indische Unternehmerfamilie Mittal hat ihr Firmenimperium durch das Ausschlachten und Sanieren maroder Stahlwerke in Asien aufgebaut. Nach dem Zusammenbruch der stalinistischen Regime in Osteuropa und der Sowjetunion spezialisierten sie sich darauf, ehemalige Staatsbetriebe im Osten billig aufzukaufen und zu privatisieren. Sie übernahmen unter anderem Werke in Rumänien, Polen, Tschechien, Bosnien und Herzegowina, Mazedonien, Kasachstan und der Ukraine.

Firmenchef Lakshmi Mittal gilt laut Forbes Magazin mit einem Vermögen von 19,3 Milliarden US-Dollar als achtreichster Mensch der Welt. Er lebt in Kensington Palace Gardens (London) in protzigem Reichtum. Als vor fünf Jahren seine Tochter Vanisha einen 25-jährigen Londoner Finanzmagnaten heiratete, ließ sich der Firmenchef das Presseberichten zufolge etwa 64 Millionen Dollar kosten. Das Fest wurde in den Schlössern von Versailles gefeiert und dauerte fast eine Woche.

Im vergangenen Jahr wurde der Firmenchef mit dem zweithöchsten indischen Verdienstorden, dem Padma Vibhushan für "außergewöhnlich herausragende Leistungen" ausgezeichnet. Die indische Regierung organisierte dazu am "Tag der Republik" eine feierliche Zeremonie.

Lakshmi Mittal nutzt die gegenwärtige Stahlkrise, um in allen Werken, die zu seinem Produktionsimperium gehören, drastische Sparmaßnahmen, Lohn- und Sozialkürzungen und andere Rationalisierungsmaßnahmen durchzusetzen. Die angekündigten Entlassungen bilden nur den Auftakt, um ganze Produktionsstandorte schrittweise stillzulegen.

Nach Angaben des Weltstahlverbands erlebt die internationale Stahlindustrie gegenwärtig ihren stärksten Nachfrageeinbruch seit dem Zweiten Weltkrieg. Angesichts einer globalen Rezession und dem dramatischen Rückgang der Produktion in der Autoindustrie und dem Maschinenbau ist die Nachfrage nach Stahl weltweit um 14,9 Prozent auf 1,019 Milliarden Tonnen gesunken. In der Europäischen Union wird das Minus mit 28,8 Prozent noch deutlich höher ausfallen.

Für Deutschland rechnet die Wirtschaftsvereinigung Stahl mit einem Rückgang der Rohstahlproduktion um mehr als ein Viertel. Es könnte aber auch schlimmer kommen. Allein im April sank die Stahlproduktion im Vergleich zum Vormonat um 53,1 Prozent. Von 94.000 Beschäftigten in der deutschen Stahlindustrie sind nach Zahlen des Verbandes bereits jetzt 45.000 in Kurzarbeit.

Die Gewerkschaften als Komplizen der Konzernleitung

Wie in allen anderen Großkonzernen spielen die Gewerkschaften bei ArcelorMittal eine Schlüsselrolle, um den Arbeitsplatzabbau und die damit verbundenen sozialen Angriffe durchzusetzen. Obwohl die Unternehmensleitung eine internationale Strategie verfolgt und die Beschäftigten in mehreren europäischen Ländern und weltweit von den Angriffen auf die Arbeitsplätze, Löhne und Sozialstandards gleichermaßen betroffen sind, weigern sich die Gewerkschaften einen gemeinsamen Kampf aller Beschäftigten zu organisieren.

Stattdessen arbeiten sie hinter dem Rücken der Beschäftigten eng mit der jeweiligen Unternehmensleitung zusammen und unterschreiben Zugeständnisse in der Absicht, den "eigenen Standort" auf Kosten der Arbeiter in anderen Werken zu retten.

Lakshmi Mittal hat viel Erfahrung im Umgang mit Gewerkschaftsbürokraten und deren opportunistischer Politik. In Osteuropa und den Staaten der früheren Sowjetunion setzte er seine Privatisierungspläne in enger Zusammenarbeit mit den ehemaligen Funktionären der Staatsparteien durch. Auch die britische Labour Party bedachte er 2001 mit einer großzügigen Spende. Medienberichte machten damals deutlich, dass diese Zuwendung in direktem Zusammenhang mit der Unterstützung gestanden habe, die ihm Partei- und Regierungschf Toni Blair zur selben Zeit gab, um den rumänischen Staatsbetrieb Sidex zu übernehmen.

Zwei Tage vor der ArcelorMittal-Aktionärsversammlung in Luxemburg appellierte der Europäische Metallgewerschaftsbund in einer Pressemitteilung an "die Verantwortung und das persönliche Interesse" der Aktionäre. Sie, die Aktionäre, müssten dafür sorgen, "dass Mittal einen klaren industriellen Plan vorlegt, der aufzeigt, wie alle ArcelorMittal-Standorte so erhalten werden können, dass sie wieder in Betrieb genommen werden können, sobald die Wirtschaft anzieht", erklärte Peter Scherrer, Generalsekretär des Europäischen Metallgewerkschaftsbundes (EMB).

In der Pressemitteilung heißt es weiter: "Der EMB fordert insbesondere, dass die Aktionäre den Abschluss einer Europäischen Rahmenvereinbarung zur Bewältigung der Krise im Unternehmen unterstützen." Eine solche Rahmenvereinbarung dient dazu, den Arbeitsplatzabbau so zu gestalten, dass er von den Gewerkschaft durchgesetzt werden kann.

Die Wut der Arbeiter, die sich vor der Firmenzentrale von ArcelorMittal in Luxemburg entlud, richtete sich nicht nur gegen die geplanten Massenentlassungen und gleichzeitigen Dividendenzahlung in Milliardenhöhe. Sie war auch ein Ausdruck der Opposition gegen die Weigerung der Gewerkschaften, einen ernsthaften internationalen Kampf zur Verteidigung der Beschäftigten zu führen.